| Rundbrief Nr. 7 |
|
|
|
|
Monteagudo, 3.4.2009 Vom Stieretreiben im bolivianischen Chaco, dem Internat mit seinen Plänen und Problemen, einer kurzen Legende und dem bolivianischen Essen.Buenas tardes, Was ich hier erlebe…“Kommst du mit? Wir müssen das Schwein noch abholen!” sagt Don Basilio. “Ja, klar!” antworte ich. “Hol mal bitte eben das Lasso, wir müssen die Pferde einfangen (jaja, die laufen frei rum und sind etwas scheu) und sag den Jungs Bescheid, die können dort baden gehen.” Also los, mit den Jungs und dem Lasso fangen wir die beiden Pferde ein und spannen sie vor die Kutsche. Und los geht es, gut gelaunt fahren wir mit der vollen Kutsche ein paar Kilometer die Strasse runter. Don Basilio lässt die Jungs, die wollen zum Baden von der Kutsche, fährt ein Stück weiter und sagt: “Ach, wo wir doch gerade hier sind, können wir ja auch gleich den Stier nach San Isidro treiben” Auf zur Kuhweide und den Stier mit Müh und Not auf die Strasse treiben – er wollte wohl nicht so gerne von seinen Damen entfernt werden und hatte ja auch keine Ahnung, dass er zu anderen gebracht werden sollte. Auf der Strasse fing dann aber erst die richtige Schwerstarbeit an. Einen sturen Stier zu treiben, ist wirklich äußerst schweißtreibend. Denn er nutzte wirklich jede Abzweigung um auszubüchsen, und wohin? Immer mitten ins Dornengestrüpp… Da war mein Schuhwerk – Flip Flops – doch etwas unpassend. Naja, zu viert haben wir es schlussendlich geschafft, den Stier bis nach San Isidro zu treiben! Und das Schwein? Zum Glück waren zwei auf der Kutsche geblieben und hatten das Schwein abgeholt, so dass wir nun auf unserem Gelände zwei neue Mitbewohner haben.
Meine Stelle…Inzwischen sind hier 21 Jungs. Das ist für die Internatskapazität eigentlich viel zu wenig. Es gibt wohl unterschiedliche Gründe, weshalb es nur so wenige Schüler gibt und so wirklich weiß es keiner, oder sagt es keiner. Ich nehme an, dass es zwei Hauptgründe gibt. Zum einen ist es die schlechte Erreichbarkeit. Das Internat hat keinen festen Telefonanschluss und als die Anmeldungen gemacht wurden (als ich auf Reisen war), war wohl kaum jemand im Internat… Zum anderen ist es wohl der Ruf des Internats. In den letzten zwei Jahren scheint es teils drunter und drüber gegangen zu sein, so dass das Vertrauen in das Internat, das noch vor wenigen Jahren das führende der Region war, stark gesunken ist.
Nun, da schon zwei Monate seit Beginn des Schuljahres vergangen sind, zeigt sich allmählich die Struktur des gesamten Zentrums, zumindest, wie es theoretisch laufen sollte… Es gibt das normale Internat, in dem die Schüler leben, lernen und arbeiten und es gibt die Ausbildung zur Milchumwandlung. Ursprünglich gehören die beiden Bereiche zusammen, da die Ausbildung vorrangig für Internatsschüler gedacht ist (Es nehmen aber auch Leute von außen teil). Für die Institutionen gehören die beiden Teile auch weiterhin zusammen. Doch intern gibt es da große Kämpfe zwischen Don Basilio, der beides strikt getrennt haben will, und Doña Florinda, die es doch lieber zusammen haben will. Aber Bolivien ist schließlich ein sehr machistisches Land… So dass nun Doña Florinda ausschließlich für die Ausbildung und Don Basilio ausschließlich für das Internat zuständig ist. Das ist theoretisch auch eine gute Idee, die Verantwortungsbereiche aufzuteilen. Dummerweise bleibt dadurch aber nur noch ein einziger Hauptamtlicher im Internat – und wie soll das funktionieren, in einem Internat, in dem immer Jugendliche sind. Wer ist verantwortlich, wenn Don Basilio mal weg ist, mal nicht kann, aus welchen Gründen auch immer…? Ja, da bleiben dann nur noch Ciprian und ich. Doch ist das meist eine sehr große Anforderung und Überforderung, da es einfach an Erfahrung, Alter und Autorität mangelt. Ein einfaches Beispiel: ist Don Basilio da, so dauert es höchstens 5 Minuten, bis alle aus ihren Zimmern raus sind, um ihre Hausaufgaben zu machen und diese auch ohne ein Wort zu sagen machen, bin nur ich da, so dauert das mindestens 20 Minuten… Da Don Basilios Abwesenheit zudem nicht ein Ausnahmefall ist, kommt nicht wirklich Ordnung in das Leben des Internats, da wir während seiner Abwesenheit schon größte Mühe haben, die Ordnung mehr oder weniger beizubehalten. Da frage ich mich doch schon öfters, wie es mit dem Internat weitergehen soll. Was sich die Hauptamtlichen eigentlich überhaupt bei ihrem Verhalten denken, oder ob sie überhaupt darüber nachdenken.
Bolivien…Das Essen…Einst lebten zwei Völker in den Anden, die Sapallas und die Karis. Diese beiden Völker lebten friedlich zusammen, jedes in seinem Gebiet. Doch eines Tages zerstörte ein Vulkanausbruch das Land der Karis. Die Karis überfielen und versklavten daraufhin die Sapallas, um in ihrem Gebiet ein neues Leben zu beginnen. Die Sapallas wehrten sich nicht, sie hatten jeglichen Waffengebrauch vergessen und ließen sich unterdrücken. Zudem glaubten sie, dass die Götter ihr Volk im Stich gelassen hätten. Nur ein Junge, Choque, liess sich nicht unterdrücken: die Götter verließen nur jene, die nicht mehr an sie glaubten. Eines Tages, als er wieder einmal in die Berge flüchtete, erschien ein weißer Kondor. Dieser sagte ihm: “Du bist ein tapferer Junge, ich möchte deinem Volk helfen. Gehe nachher zum Gipfel, dort wirst du Knollen finden. Bei der nächsten Saat werdet ihr nur diese Knollen pflanzen. Sobald die roten Früchte reif sind, lasst die Karis alle ernten. Ihr selber werdet alle Knollen ausgraben. Diese müsst ihr gut kochen und sie wird euch Kraft geben.” Mit Mühe konnte Choque die Sapallas überzeugen und so wurde bei der nächsten Saat lediglich diese Knolle gepflanzt. Als die Zeit der Ernte kam, nahmen sich die Karis gierig alle rote Früchte und es blieb nicht eine einzige übrig. Die Sapallas waren schon sauer und enttäuscht, auf den Rat Choques gehört zu haben. Doch dieser erklärte, was der weiße Kondor ihm erklärt hatte. Es dauerte gesamte 30 Nächte, in denen sie, von der Dunkelheit geschützt, alle Knollen eingesammelt hatten. Angesichts dieser Ernte, verstanden die Sapallas, dass die Götter sie nicht verlassen hatten und begannen den Aufstand zu planen. Gleichzeitig verschlechterte sich die Lage der Unterdrücker, sie wurden von einer Krankheit dahingerafft und begriffen erst spät, dass die neue Frucht Schuld an ihrer Krankheit war. Als sie ihre Sklaven dafür bestrafen wollten, blies Choque zum Aufstand – So konnten die Sapallas ihre Freiheit zurückerobern und die Karis zurück in ihr Gebiet treiben. Die Kartoffel ist hier in Bolivien (zumindest hier im Chaco) unersetzlich. Ein Essen ist kein Essen, wenn keine Kartoffel dabei ist. Egal, ob es Reis, Nudeln oder Mais gibt, Kartoffel muss immer dabei sein (Es gibt in Bolivien auch ca. 300 Kartoffelarten). Und viel mehr als Reis, Nudeln oder Mais und Kartoffeln gehört auch nicht dazu: viel Fett, etwas Wasser, Gewürze, ein bisschen Gemüse und, das darf natürlich nicht vergessen werden: Fleisch. Meist eher wenig, da Fleisch sehr teuer ist. Das ist das typische “Campo-Essen”: Essen, das dafür gemacht ist, dass man satt wird und den ganzen Tag auf dem Feld arbeiten kann. Was noch besonders auffällt: die Bolivianer sind zuckerverrückt! In jedes Getränk gehören pro Glas 2-4 Esslöffel (!) Zucker, am Anfang ist das echt sehr gewöhnungsbedürftig, aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles… In Bolivien gibt es aber auch echt hochwertiges und besonderes Essen. Zum Beispiel ein Pique a lo macho: viel Rindfleisch mit Zwiebeln und Tomaten auf einer ordentlichen Portion Pommes serviert, oder aber das zarte Lamasteak im Hochland! Auch die Fruchtauswahl ist, vor allem auf den Grossstadtmärkten, hervorragend! Es gibt quasi alles, was das Herz begehrt, und schmeckt hervorragend!
Auf jeden Fall kann ich hier nicht über Hunger klagen, Essen gibt es wirklich genug. Lediglich einen ordentlichen Salat vermisse ich doch ab und zu… Schöne Grüsse aus Monteagudo! Lukas
|


