Startseite
19 | 05 | 2012
Rundbrief Nr. 5 PDF Drucken E-Mail

Monteagudo, 4.2.2009

Von endlosen Weiten, wahnsinniger Naturgewalt, dem Jahresanfang im Internat und der politischen Situation in Bolivien

Buenas tardes (Jedenfalls ist bei mir gerade Nachmittag...)

Was ich hier erlebe...

Da Sommerferien im Internat waren, hatte ich, neben einigen Arbeiten im Internat, auch Zeit, Teile des Südamerikas zu entdecken.

So bin ich durch Paraguay nach Argentinien und habe auf der Strecke sogar für kurze Zeit brasilianische Luft geschnuppert! Was mir auf dieser Reise besonders aufgefallen ist: die wirklich unglaubliche Weite dieses Kontinents! Man hört immer aus Erzählungen oder liest in Büchern, dass Südamerika riesig ist, aber es mit eigenen Augen zu sehen, ist dann doch unglaublich! In ca. 23 Stunden Busfahrt bin ich an keiner einzigen nennenswerten Besiedlung vorbeigekommen! Einfach nur Felder, Palmenwälder, Gebüsch, ab und zu ein paar Kühe und vereinzelt ein Bauernhof - sonst nichts!

Meine Reise hat mich auch durch starke Kontraste geführt.

Einerseits die unglaubliche Armut, die es zum Beispiel in Asunción, Hauptstadt Paraguays, gibt. Direkt neben dem noblen Turistenviertel beginnt der Slum, nur 200 Meter vom Präsidialpalast! Die einen Gebäube sind ganz neu, weiss gestrichen oder vollkommen verglast, die anderen bestehen aus Wellblech, Pappe und Sperrholz.

Andererseits der enorme Reichtum dieses Kontinents: in Buenos Aires über die breiteste Strasse der Welt gehen (man braucht wirklich 5 Minuten rüber...) oder in den edlen Shoppingmalls einen Kaffee neben der argentinischen Elite trinken. Drumherum sind alle teuren Marken in den Geschäften zu finden.


Besonders beeindruckt hat mich jedoch die Natur, vor allem die Iguazú-Fälle im Länderdreieck von Paraguay, Argentinien und Brasilien! Wenn man den Fluss von oben sieht, dann wirkt er eigentlich ganz ruhig, fast einladend, um ein erfrischendes Bad zu nehmen (hier ist Sommer und ziemlich warm...). Doch dann sieht man plötzlich eine Kante und das Wasser verschwindet. Lediglich der tosende Lärm deutet auf das Spektakel hin. Schaut man über die Kante, so sieht man mit welcher Eleganz und gleichzeitig mit welcher unglaublichen Kraft der riesige Fluss in die Tiefe stürzt und alles im Umkreis nass macht. Man kann sich kaum vorstellen, wie sich so eine Kante gebildet haben soll, und vor allem, wie die dieser Wasserkraft standhält!



Meine Stelle...

Nun, wie gesagt, in letzter Zeit waren Ferien im Internat, dennoch gab es einiges an Arbeit.
Zunächst einmal ging es darum, alles etwas zu säubern und vor allem die Schränke zu reparieren. Denn bei den meisten Schränken waren die Türen rausgebrochen. Beim Ausmessen und Zuschneiden ist mir dann aufgefallen, dass die Schränke alle unterschiedliche Masse haben! Da hat mich Bolivien doch mal wieder sehr erstaunt! Da stehen 25 Schränke, die alle gleich aussehen, doch alle haben etwas andere Masse! Handarbeit und Einzelanfertigung... Naja, aber zum Glück hatte ich es so früh gemerkt, dass alles noch gut hingehauen hat! Als die Schränke erfolgreich wieder zusammengefügt waren, ging es daran, die Einschreibungen und die Werbung für das neue Schuljahr zu organisieren. So saßen wir wieder einige Stunden zusammen, um zu planen, wie es nun läuft und wer im Internat arbeitet und sich um was kümmert. So werden wir voraussichtlich einen Verantwortlichen, eine Köchin, einen Praktikanten und mich als Freiwilligen haben – mal sehen, wie oft sich das angesichts der bolivianischen Planungsmentalität noch ändert...
Für die Werbung waren wir beim Radio, nun bin ich also gespannt, ob es geklappt hat, und wie viele Anmeldungen es so geben wird!

Bolivien...

Die politische Lage...

Im folgenden Teil werde ich versuchen, die politische Situation mit der aktuellen, neuen Verfassung Boliviens darzustellen. Dieser Teil fällt aufgrund der nicht ganz einfachen Zusammenhänge etwas länger aus. Deshalb werde ich zuerst ganz grob die Lage skizzieren.

Bolivien ist ein Land voller Gegensätze, der Hauptgegensatz, der auch politisch von Bedeutung ist, ist der Gegensatz zwischen Hochland - dem eher ärmeren Teil - und Tiefland - dem eher reicheren Teil Boliviens. Das Tiefland möchte mehr Autonomie vom Rest des Landes, damit es besser über sein Geld verfügen kann. Evo Morales, der indigene Präsident Boliviens will das natürlich nicht zulassen. Dies ist ein erster Konfliktpunkt, der zu Unruhen geführt hat und weiterhin führen kann. Ein weiterer Konfliktpunkt ist die neue Verfassung. Die einen sagen, sie sei Grundstein für einen erfolgreichen und guten Wechsel in Bolivien, die anderen fürchten einen Eingriff in ihre Freiheit und Verfolgung sowie den Einmarsch des Kommunismus. Beides sind wohl derzeit eher unwahrscheinliche Extremvorstellungen, da die Ratifizierung der neuen Verfassung nicht so einfach zu gewährleisten sein wird: aus finanziellen, sowie aus politischen Gründen.

Nun zum ausführlicheren Teil

Evo Morales ist seit 2005 Präsident Boliviens und damit der erste indigene Präsident Südamerikas. Er hat sich als Aufgabe gegeben, die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung nun auch endlich faktisch zu beenden, sowie eine gerechtere Verteilung der Gelder und Ländereien innerhalb Boliviens zu gewährleisten. Das Ganze im Endeffekt um die Armut zu senken. Hierzu hat er als wichtigen Bestandteil seiner Politik eine neue Verfassung gefordert und die verfassungsgebende Konferenz einberufen.

Am 25. Januar war es dann so weit, die neue Verfassung wurde trotz einiger starker Proteste angenommen.

Wie kam es denn überhaupt zu diesen Protesten?

 


Vor dem Referendum über die neue Verfassung gab es grosse Kampagnen für das „Ja“ sowie für das „Nein“. Beide Kampagnen waren geprägt von Oberflächlichkeit. So wurden immer nur einzelne Stichpunkte herausgesucht und diese ohne jegliche Textgrundlage zum Besten gegeben.

„Stimme für Gott, wähle Nein!“, „Die neue Verfassung schützt dein Privateigentum“ aber auch gleichzeitig „Mit der neuen Verfassung kommt der Kommunismus und das Ende jeglichen Privateigentums“.

Was gab es denn für Argumente gegen die Verfassung?

Es beginnt bereits mit der Entstehung dieser neuen Verfassung. Evo wollte, um auch seine neue Politik ohne Diskriminierung zu unterstreichen, mindestens einen Abgeordneten jeder Volksgruppe, jedes Stammes Boliviens in der verfassungsgebenden Konferenz haben. Jede Volksgruppe sollte also seinen Abgeordneten bestimmen. Problem dabei war dann, was später auch stark kritisiert wurde, dass es in einigen Volksgruppen keine „gebildeten“ Menschen (mit abgeschlossenem Studium) gibt. Es sind Gruppen, die einfach auf dem Land leben, ein Bauernleben führen und höchstens das Abitur gemacht haben. Einige der Abgeordneten waren deshalb Menschen, die noch nie etwas mit Politik oder Recht zu tun hatten. Und dennoch sassen sie als „Experten“ in der Konferenz.

 

Nachdem bereits die Entstehung kritisiert wurde, ging es um den Inhalt. So behaupten Verfassungsgegner, dass es mit der neuen Verfassung kein Privateigentum mehr geben wird. Im Verfassungstext heisst es, dass alle Recht auf Privateigentum haben, wenn dieses einem gemeinnützigen Zweck dient. Desweiteren heisst es, dass das Privateigentum gesichert ist, solange es nicht entgegen des allgemeinen Interesses verwendet wird. Hier ist es nun wahrscheinlich Auslegungssache, wie dieser Artikel gelesen wird...

Als ich dann mal bei einer Diskussion mit dem Verfassungstext argumentieren wollte, da wurde auch gleich der nächste Kritikpunkt deutlich: Ach was, das ist doch gar nicht der richtige Verfassungstext, die verteilen irgendeinen gefälschten Text und den Richtigen, den kann man dann erst nach der Wahl lesen... Es herrscht ein unglaubliches Misstrauen zwischen der Regierung und ihren Gegnern.

Auf dieses Misstrauen geht auch die Angst vor Verfolgung zurück. Alle Gegner meinen, sobald die Verfassung angenommen sei, beginne die Zensur und die Verfolgung politischer Gegner. Hierzu muss man auch sagen, dass sich Evo Morales teilweise sehr ungeschickt angestellt hat. So hat er den Präfekten des Departamento Pando (ein ehemaliger Mitarbeiter des Diktators Banzer) wegen einer Kleinigkeit verhaften lassen, als dieser dann bereits gefangen war, hat er ihn aber wegen ganz anderen Dingen ins Gefängnis bringen lassen – eine Aktion, mit der er sich keine Freunde im bereits sehr kritischen Pando gemacht hat.

Auch die Kirche hat eine große Kampagne gegen die neue Verfassung gemacht. Es gab verschiedene Gründe: Zum einen würde die Kirche von Evo in die Ecke gedrängt bzw. nicht mehr gewollt werden. Als ich dann nachfragte inwiefern, kam heraus, dass Evo nicht mehr die Kardinäle um Rat bitten würde und dass die politischen Entscheidungen neuerdings ohne die Kirche stattfinden würden. Desweiteren käme die Pachamama, die Mutter Erde, vor der katholischen Kirche. Denn die Pachamama wird im Prolog der Verfassung vor der Kirche genannt.

Hinzu kommt, dass die neue Verfassung theoretisch den Weg zu Abtreibung und gleichgeschlechtlicher Ehe ermöglicht.

Wie ihr seht, sind sehr unterschiedliche Argumente in dieser Kritik enthalten. Teilweise Argumente, die, mir jedenfalls, vollkommen abstrus und unverständlich vorkommen, teilweise aber auch Argumente, die ich nachvollziehen kann. Leider ist es jedoch sehr schwer zu sagen inwiefern diese Argumente nun fundiert sind oder ob sie einfach nur aus der Angst und der Propaganda der jeweiligen Parteien entstanden sind.

Über die Kampagne der „Ja“-Anhänger kann ich wenig sagen, es war vor allem ein Feiern von Evo Morales, sowie ein „um den heissen Brei reden“, der noch weniger Inhalt hatte, als die „Nein“-Kampagne... Die wichtigsten Begriffe waren wohl „Evo erfüllt seine Versprechen“, „Wechsel, Ja!“ oder „Für ein neues Bolivien“.

Dies macht es mir wirklich unmöglich, ein Urteil über die Verfassung zu geben, zu schwierig sind die Themen, zu oberflächlich wurden sie hier behandelt. Da ist es mir echt schwer vorstellbar, wie das bolivianische Volk nun wirklich selber entscheiden soll, wo es doch nur in den großen Städten Zeitungen gibt und die, so wie auch die meisten anderen Medien, nicht ausgeglichen berichten.

Wie haben denn dann die Bolivianer gewählt?

Der Ausgang der Wahl ist eher auf die Diskrepanz zwischen dem Hochland und dem Tiefland zu verstehen. Bolivien ist ein tief gespaltenes Land. Es gibt zum einen das Hochland, das 1/3 Boliviens ausmacht. Das Altiplano liegt auf ca. 4000 Metern Höhe und ist eine sehr karge Gegend, in der kaum etwas angebaut werden kann. Dennoch bewohnen es ca. 2/3 der bolivianischen Bevölkerung Was das Reichtum dieses Hochlandes ausgemacht hat, ist schon längst abtransportiert. Bereits die Spanier haben die Silberminen quasi leergeräumt.

Zum anderen gibt es das Tiefland, das aus Wald und weiten Ebenen besteht. Das Tiefland hat zur Zeit den Vorteil, dass es reich an Erdgas ist. So sind die Tiefland-Departamentos wesentlich reicher als die des Hochlandes.

Nun zurück zu Evo Morales

Evo Morales wollte zum einen das Geld neu verteilen. Ihm wird unterstellt, einen zentralistischen Staat aufzubauen, in dem alles Geld zunächst in La Paz gesammelt wird. Zum anderen will er endlich die Agrarreform auch wirklich ratifizieren, die bereits in den 90ern beschlossen wurde. Diese Agrarreform würde wiederum einen Eingriff in das Tieflandleben bedeuten, da es um Gebiete im Tiefland geht, die an die arme Bevölkerung gehen sollen.

Aus diesen Gründen herrscht im Tiefland eine Antipathie gegen Evo Morales und die Bemühungen um die Autonomie dieser Departamentos ist in aller Munde. Sie wollen zwar weiterhin zu Bolivien gehören, wollen aber ansonsten weitgehend autonom sein.

Was hat Evo Morales und der Hochland-Tieflandkonflikt mit dem Referendum über die Verfassung zu tun?

Evo Morales ist indigener Abstammung, er kommt aus einer Familie von Cocabauern und ist über die Coca-Gewerkschaften in die Politik gekommen und schliesslich über die MAS (Movimiento al socialismo/Bewegung zum Sozialismus) zum Präsidenten gewählt worden. Er vertritt eher die Interessen der armen und indigenen Bevölkerung, die grösstenteils aus dem Hochland kommt.

So hat Evo Morales viele Anhänger im Hochland, das Tiefland steht ihm eher kritisch gegenüber (obwohl er auch im Tiefland Anhänger hat). Da die Verfassung nun seine Initiative ist und ihm auch eine zweite Amtszeit als Präsident ermöglicht (mit der alten Verfassung konnte man nur einmal zum Präsidenten gewählt werden), wurde das Referendum von vielen auch als Wahl für oder gegen Evo Morales gesehen.

So haben die „armen“ Bolivianer – unabhängig vom wirklichen Inhalt der Verfassung – tendenziell für die Verfassung gestimmt, während die „reicheren“ Bolivianer tendenziell gegen die Verfassung gestimmt haben.

Nun gut, die Verfassung wurde nun angenommen, nun ist die Frage, was kommt. Wird es wirklich den langersehnten Wechsel in Bolivien geben? Werden die Horrorvorstellungen der Verfassungsgegner wahr? Ich denke eher, dass Bolivien einfach auf dem Weg weitergeht, auf dem es bisher ist – mit seinen inneren Spannungen und seinem Lieblingssport den Bloqueos – Will man was erreichen, so sperrt man einfach mal die Strasse, damit kann man dann auch wirklich recht einfach alles im Umkreis lahmlegen, es gibt schliesslich nicht so viele Strassen.

Ich bin schon gespannt auf die weiteren Entwicklungen hier im Land! Mal schauen, was für Neuigkeiten, Gerüchte und Anschuldigungen gegen Evo Morales auftauchen!

Ich hoffe, dass der Erklärungsversuch nicht allzu konfus war, um ihn zu verstehen!

Viele Grüsse aus Monteagudo,

Lukas