Startseite Archiv
19 | 05 | 2012
Rundbrief Nr. 10 PDF Drucken E-Mail

Lukas Tometten arbeitet im Freiwilligen Sozialen Jahr im landwirtschaftlichen Internat in Monteagudo, Bolivien. Er berichtet in Rundbriefen. Dies ist Rundbrief Nr. 10.

¡Buen día, queridos lectores!                                                                                                                                             Monteagudo, 1.7.09

 

Was ich hier erlebe…

Während in Deutschland der Sommer hoffentlich richtig begonnen hat, beginnt hier in Monteagudo der Winter. Der Winter kommt hier in Schüben, alle paar Wochen gibt es eine extrem kalte Woche, dichte Wolkendecke, Nieselregen und Temperaturen um die 0 Grad. Dummerweise gibt es hier keine Heizungen, so dass es eigentlich egal ist, wo man sich gerade aufhält, man zieht sich eben wärmer an. Das eigentlich Unangenehme ist die Feuchtigkeit, die in die Knochen geht. Wobei ich hier in Monteagudo noch Glück habe, denn im Hochland geht es auch bis weiter unter 0 Grad runter...

Zwischen diesen Kälteschüben ist aber ganz normales, tolles Wetter, das heisst Sonnenschein und tagsüber Temperaturen um die 25 Grad, lediglich nachts kühlt es ab, was das Immunsystem doch auf eine harte Probe stellt.

Super an dieser Jahreszeit ist, dass die ganzen Zitrusfrüchte reif werden! San Isidro hat eine Huerta (Garten) mit ca. 200 Zitruspflanzen, die alle voller Mandarinen, Orangen und Pampelmusen hängen. Dementsprechend ist der Konsum auch hoch. Doch wir haben so viel, dass wir auch verkaufen oder weiterverarbeiten können und müssen.

Da der Verantwortliche der Fundacion Treveris letztens sowieso mit seiner Camioneta nach Sucre musste, haben wir die Situation genutzt: Füllen wir die Ladefläche doch mit Mandarinen und Apfelsinen um sie in Sucre zu verkaufen, denn hier in Monteagudo kauft kaum jemand diese Früchte – es hat schliesslich jeder selber Pflanzen, und sie sind spottbillig: 10-12 Bolivianos (1 – 1,5 Euro) pro hundert Mandarinen...

Also ging es eines Nachmittags mit den übrig gebliebenen Jungs (die Winterferien haben begonnen, so dass die meisten nach Hause gefahren sind) in die Huerta um Mandarinen und Apfelsinen zu ernten. Eine recht aufwendige Arbeit, vor allem die Mandarinen, da diese einzeln abgedreht werden müssen, damit die Schale nicht kaputt geht und sie den doch sehr holprigen Weg überstehen.

So haben wir also in ca. 2 Stunden um die 3000 Mandarienn und 1500 Apfelsinen geerntet, die wir dann nach Sucre transportiert haben und dort verkauft haben.

 

Meine Stelle…

Nun, an dem Leben, den Verantwortlichen usw. hier hat sich (oh Wunder) nichts verändert, es läuft so weiter, wie es auch schon letzten Monat gelaufen ist.

Doch stellt sich immer mehr die Frage: Was ist nächstes Jahr?

Es gibt endlos viele Erzählungen, Gerüchte, doch keiner weiss wirklich Bescheid.

Wird das Internat als Internat weiterbestehen, wird es lediglich als Ausbildungszentrum weiterbestehen, macht es ganz zu? Das steht alles in den Sternen.

Zwei Hauptgesichtspunkte für die Zukunft des Internats sind folgende:

  1. Wird das Gelände verkauft? Das Gelände des Internats gehört dem Erzbistum, das Erzbistum braucht scheinbar Geld, so dass sie überlegen, das Gelände des Internats zu verkaufen. Das würde bedeuten, dass die Räumlichkeiten zwar weiterhin vorhanden sind, jedoch kein Gelände mehr. Und ein Internat, so wie dieses strukturiert ist, braucht zumindest etwas Gelände um sich selbst versorgen zu können. Ein Verkauf des Geländes würde eine Abhängigkeit von anderen Personen mit sich bringen. Je nachdem, wer das Gelände kauft bedeutet das das Ende des Internats.

  2. Unterstützt die Alcaldia (Bürgermeister) weiterhin das Internat?

Das Internat wird seit letztem Jahr vom Alcalde beobachtet, da es nur sehr wenige Schüler hat. Die Alcaldia unterstützt das Internat mit Lebensmitteln, ohne diese Unterstützung ist das Internat im jetztigen Zustand nicht tragbar. Nun sind wir im Endeffekt also wieder bei der Frage, warum es nur so wenig Schüler gibt.

Für mich ist es nun nicht ganz einfach zu entscheiden, wie ich mich verhalten soll. Denn es ist offensichtlich, dass das Internat aufgrund der Verantwortlichen nicht läuft. Das Internat hat genügend Möglichkeiten um sich vollständig selbst zu finanzieren, doch werden diese Möglichkeiten nicht genutzt oder nur halb genutzt oder einfach übergangen. Doch was ist nun meine Aufgabe? Kann ich überhaupt etwas machen, ist die andere Frage.

Und hier taucht wiederum das Problem der Verantwortlichkeiten auf: Wer ist für das Internat verantwortlich? Wer entscheidet über solche Fragen. Inoffiziell geplant, ist ein Treffen mit allen Verantwortlichen, doch ob bis zu meiner Abreise etwas draus wird, ist so die andere Frage.

 

Bolivien…

Die Musik…

Bolivien ist sehr reich an traditioneller Musik. Je nach Gegend variiert die Musikart, die Instrumente, die Tänze. Denn zur Musik gehört hier auch immer ein Tanz, den die Bolivianer dann auch meistens können!

Bei mir in Monteagudo wird Musik hauptsächlich mit drei Insturmenten gemacht: Gitarre, Geige und Bombo (Trommel). Die Hauptrhythmen sind

  • die Chacarera, Musik aus dem Chaco, also aus Bolivien, Paraguay und Argentinien,
  • die Cueca, Musik die es in ganz Bolivien gibt, je nach Gegend mit unterschiedlichen Instrumenten
  • und der Huayño.

Alles drei sind absolut machistische Tänze, bei denen der Mann die Frau umwirbt.

Die Chacarera zum Beispiel läuft so ab: Der Mann stellt sich hin und klatscht im Rhythmus, während die Frau ihre Schritte tanzt. Daraufhin fängt der Mann mit dem Zapateo an, einer Art Steptanzeinlage, die Frau tanzt weiter. Nach dieser Steptanzeinlage breiten beide die Arme aus und bewegen sich umeinander, diese beiden Teile werden wiederholt bis sie sich am Ende in der Mitte treffen.

In anderen Teilen Boliviens gibt es noch ganz andere Musik und Tänze mit anderen Instrumenten: die “typischen” andinen Instrumente wie zum Beispiel Panflöte, Qena und der Charango, eine Art kleine Gitarre mit fünf Doppelseiten, die ursprünglich aus dem Panzer des Gürteltiers gemacht wurde.

Die Bolivianer haben immer viel Spass daran, mir die Schritte oder zumindest die groben Bewegungen zu zeigen und beizubringen, denn eins ist hier ein Muss: Mittanzen, egal wie! Das bereitet allen immer grosse Freude!

Neben der traditionellen Musik gibt es dann noch die neuere südamerikanische Musik. Der Reggaeton aus Puerto Rico, die Cumbia Villera aus Argentinien und Musik wie Salsa und Merengue. Diese Musik wird viel von Jugendlichen gehört. Doch auch die Jugendlichen hören die traditionelle Musik oft und gerne.

Viele Grüße!

Lukas